Schritt 4 - Carving

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Carven bedeutet nichts anderes als auf der Kante zu fahren anstatt über die Kante zu driften. Das nimmt dem Schwung aber einige Freiheitsgrade und ist deswegen auch etwas schwerer. Am schlimmsten wirken sich aber falsche Techniken wie etwa eine Gegenrotation (=Taloffenes fahren) aus. Das war schon beim Driftschwung falsch, dort konnte man es aber noch ausbügeln. Beim Carven bedeutet so ein Fahrfehler: man sitzt auf seinem Hintern.

Recap

Es wurde zwar schon von Bindungswinkel und Grundstellung gesprochen, aber betrachten wir das nochmal aus der Sicht vom Carven.

Ein Argument war "Die Schuhe dürfen nicht über das Board hinaus ragen". Der Driftschwung verzeiht da mehr, im schlimmsten Fall driftet man über die Fußspitzen. Aber beim Carven liegt man stärker in der Kurve (die Rutschbewegung vom Driftschwung fehlt ja) und wenn man dann mit den Zehenspitzen in den Schnee kommt, hebelt man das Board hoch und es fährt nicht mehr auf der Kante.

Das ist völlig klar, aber bei eBay sieht man immer wieder mal Verkäufe wie diesen hier. Wunder sich jemand warum man bei so einem Bindungswinkel nicht auf der Kante fahren kann?


Damit hat man aber nur die Frage nach dem Bindungswinkel zur Frage nach der Boardbreite verschoben. Man könnte genauso sagen, dass man für jeden Bindungswinkel ein optimal breites Brett benötigt. Wer Duckstance fährt und 40cm lange Schuhe hat, benötigt ein Brett das 40cm breit ist. Punkt.

Also sollten wir über den Einfluss der Boardbreite als nächstes sprechen...

Boardbreite

Beim Carven, aber auch beim Driftschwung, dauert das Umkanten mit einem breiten Board länger als mit einem Schmalen. Auch die Hebelarme sind beim auf-der-Kante-fahren größer.

Man stelle sich einfach vor man würde auf einer Tür stehen und möchte damit auf der Kante fahren. Könnte anstrengend werden, oder?

Darum sind Slalomboards eher schmal, 15cm Boardbreite sind normal. Boards für Riesenslalom etwas breiter, dafür länger und härter. Und alpine Carvingboards irgendetwas zwischen 19 und 23cm.

Wenn man jetzt annimmt, dass die Boardbreite 23cm ist, muss man die Bindung auf mindestens 30° stellen damit die Schuhe nicht über die Boardkante ragen. Ein Duckstance von +30°/-30°? Das wird nicht funktionieren.


Mit allem gesagten sieht man jetzt, dass zum perfekten Carven ein eher schmales Board optimal ist und ein nach vorne gerichteter Fahrstil. Dafür ist ein positiver Bindungswinkel passend. Mit einem Freestyle Board kann man genauso carven, es ist nur nicht dafür optimiert.

Daraus ergeben sich schon einmal zwei komplett andere Stile des Carvens: Schulcarven versus Freestyle Carven.


Ob man mit Softboot oder Hardboot fährt ist bis zu dieser Stelle vollkommen gleichgültig. Es geht rein um Boardbreite, Bindungswinkel und die eigene Grundstellung.

Schulcarven versus Freestyle Carven

Betrachten wir einmal zwei Videos um die beide Fahrweisen gegenüber zu stellen.


Hier ein Video vom DSV mit Schulter parallel zum Board


youtube


Und hier ein Video mit positiver Grundstellung


youtube


Die Unterschiede zwischen den beiden Fahrstilen sind signifikant. Beim Video vom DSV...

  1. Es ist keine Dynamik zu sehen. Der Fahrer steht völlig starr auf dem Brett.
  2. Das Brett kontrolliert den Radius, nicht der Fahrer.
  3. Der Kurvenradius ist generell größer trotz dem weicheren und kürzerem Board.
  4. Es kann so der Radius nicht variiert werden.
  5. Bodenunebenheiten können nicht ausgeglichen werden.
  6. Es ist ein furchtbares Gefühl sich einfach nach hinten in den Backsideschwung fallen zu lassen.

Zusätzlich kommen noch ein paar weitere Faktoren hinzu. Beim Carven ist das Ziel möglichst stark aufzukanten. Auf der Frontside kann das der Fahrer sehr leicht erreichen, indem er die Knie Richtung Schnee drückt. In diesem Beispiel ist das Brett ca. 45° aufgekantet, weil der Fahrer 40° in der Kurve liegt und die Beine weitere 5° abgewinkelt sind. Perfekt. In dem man die Knie noch näher zum Schnee bringt könnte man sogar 90° erreichen.



Auf der Backside wiederum ist es das genaue Gegenteil. Aktuell ist das Brett nur 35° aufgekantet, weil die abgewinkelten Beine von den 40° Kurvenlage wieder 5° wegnehmen. Er müsste sich komplett durchstrecken um auf 45° zu kommen. Aber auf mehr als 40° ist anatomisch unmöglich.



Eine andere Frage ist, warum er nicht in die Knie geht. Tiefer Schwerpunkt und so. Tiefer in die Knie würde bedeuten die Beine sind noch mehr abgewinkelt und damit würde der Aufkantwinkel noch geringer werden.


Man hat bei diesem Fahrstil also nicht nur jede Menge Nachteile, man fährt auch noch Frontside und Backside mit unterschiedlichen Radien. Wenn man Duckstance fährt, dann hat man keine Alternative zu diesem Fahrstil. Punkt. Man sollte aber vielleicht hinterfragen ob Duckstance wirklich das Optimale für einen selbst ist - überwiegt Halfpipe- oder Pistenfahren? Je nachdem wird man seinen Schwerpunkt setzen.


Bindungswinkel

Gehen wir die Punkte Bindungswinkel, Grundstellung und Gewichtsverlagerung nochmals durch, diesmal in Hinblick auf das Carven.

Der Bindungswinkel ist so, dass der hintere Schuh nicht über die Kante ragt. Wenn das jetzt hinten 0° bedeutet, dann ist das okay. Wenn das auf meinem 17cm Brett 65° sind, auch fein. Da mein Ziel ein aufkanten von 90° ist und das Brett im Schnee ein wenig einsinkt, versuche ich sogar deutlich innerhalb des Brett-Shapes zu bleiben.

Oftmals hat man am Anfang einen guten Bindungswinkel, wird aber mit der Zeit immer besser im Sinne von man legt sich mehr in die Kurve und plötzlich kommt es zu einem Boot-Out. Der Schuh kommt in den Schnee und man hebelt sich aus der Kante. Sollte das passieren, Bindungswinkel steiler stellen.


Ein steiler Bindungswinkel hat noch drei weitere Effekte.

Betrachten wir einen Skifahrer und Duckstance im Vergleich - wer benötigt mehr Kraft um auf der Kante zu stehen? Der Skifahrer legt sich in die Kurve, die Bindung und der Skischuh haben seitlich überhaupt keinen Flex und daher ist das Fahren auf der Kante ohne jedweden Kraftaufwand möglich. Beim Duckstance wiederum muss man aktiv die Zehen heben oder auf den Zehenspitzen stehen und so das Brett auf der Kante halten. Anstrengend. Je größer also der Bindungswinkel ist und je härter die Schuhe (seitlicher flex), um so kräfteschonender ist das fahren auf der Kante. Darum sind bei uns Carvern auch die Hardboots verbreitet.

Wie ändert sich der Aufkantwinkel wenn der Skifahrer mehr oder weniger in die Knie geht? Überhaupt nicht. Perfekt. Denn nur weil ich den Schwerpunkt tiefer bekommen möchte, weil ich einen Buckel abfedere oder weil ich eine Hochentlastung fahre, der Aufkantwinkel darf sich nie ändern.

Und dann noch das Argument mit der Symmetrie - je steiler der Bindungswinkel um so symmetrischer sind Frontside- und Backsideradien mit dem Skifahrer als Krönung. Der fährt beide Richtungen komplett ohne Unterschied.

Grundstellung und Gewichtsverteilung

Die Grundstellung unterstützt obiges. Auch wenn wir keinen Bindungswinkel von 90° fahren, durch den leicht einrotierten Stand kommen wir ein wenig mehr in Richtung frontal - bei sehr steilen Bindungswinkeln sogar komplett.

Der andere bereits angesprochene Vorteil des einrotierens ist, dass man mit den Knien ein stabiles Dreieck bildet. Man kann weiterhin in die Knie gehen, aber das Brett kann besser auf der Kante gehalten werden. Auch das sieht man im obigen DSV Video gegen Ende recht gut, auch wenn es dort ein Driftschwung ist. Der Boden wird uneben und es beginnt alles zu wackeln, Brett, Knie, Beine, sogar der Oberkörper. Das will man nicht haben, die Knie sollen alle Unebenheiten abfangen. Weil wie dort gesagt: Man will immer kontrolliert und sauber fahren.


Die Gewichtsverteilung ist beim Carven jedoch anders als beim Driftschwung. Man möchte den Drehpunkt in der Mitte haben, es soll auf der kompletten Kante der Druck gleich groß sein, also muss das Gewicht in der Mitte bleiben. Kein Vor- oder Zurück, kein Links-Rechts, sondern immer genau in der Mitte.

Carven

Und das war es eigentlich. Ab jetzt geht es nur noch darum sich all die Hilfsbewegungen vom Driftschwung abzugewöhnen. Also nicht das hintere Bein heben und das Heck aktiv auf die andere Seite heben. Kein flachdrücken des Bretts vorne. Einfach nur auf der Kante fahren.

Das ist anfänglich ein ungewohntes Gefühl und um sich da leichter zu tun, mache ich sehr gerne Schwunggirlanden.

  • Übung 1 - Queren der Piste ohne Driftanteil: Also losfahren und mit möglichst geringem Höhenverlust auf die andere Seite der Piste fahren. Das kann jeder sofort und wenn man sich die Spur dann ansieht, wird das ein scharfer Schnitt sein. Hoffentlich. Sollte es nicht auf Anhieb klappen, versuchen das Brett stärker aufzukanten.
  • Übung 2 - Queren der Piste mit variierender Geschwindigkeit: Gleiches wie oben nur jetzt mal mehr in Richtung Falllinie gehen und dann wieder weniger. Wenn das klappt sieht man schon erste Anzeichen von Kurven.
  • Übung 3 - In die Falllinie gehen, Fahrt aufnehmen und dann einen Bogen fahren bis man wieder bergauf fährt und stehen bleibt: Auf einer sehr flachen und glatten Piste irgendwie in eine Schussfahrt gehen und dann bei genügend Geschwindigkeit sich einfach in die Kurve legen. Durch die Taillierung des Boards wird man ganz automatisch eine Kurve fahren. (hier war es schon fast zu steil)

Damit hat man alle Anteile des geschnittenen Schwungs. Aus Übung 2 weiß man wie man in Richtung Falllinie kommt und aus Übung 3 wie sich das anfühlt wenn man wieder aus der Kurve kommt.


Die nächste Steigerung ist dann die Radien aktiv zu kontrollieren, indem man die altbekannten Tools aus der Werkzeugkiste holt: Rotation, Hochentlastung, Aufkantwinkel.


Geschwindigkeitskontrolle beim Carven

Sobald man Carven kann, wird es einem immer wieder passieren, dass man zu schnell wird. Es gibt natürlich etliche Methoden die Geschwindigkeit zu reduzieren, etwa engere Radien fahren weil dann der Widerstand höher ist. Die mit Abstand effektivste Methode ist es den Umkantzeitpunkt nach hinten zu verschieben. Anstatt bei 45° Querfahrt umzukanten, vielleicht den Schwung volle 180° fahren oder sogar den Berg wieder hinauf fahren. Nichts reduziert der Geschwindigkeit effektiver. Also auch hier wieder üben. Nicht das Brett und die Piste geben die Geschwindigkeit vor sondern der Fahrer. Fünf Schwünge mit der gleichen Geschwindigkeit fahren, dann langsamer werden indem man noch später umkantet und dann wieder schneller.


Ganz wichtig: Immer darauf achten was oberhalb los ist. Kein Skifahrer rechnet mit jemandem der die Piste komplett quert oder Radien von 10m fährt. Lieber drei mal mehr schauen als einmal umgenietet zu werden. Und wenn zu viel Betrieb ist, besser gar nicht Carven.